Archäologie und Denkmalpflege

OPAL: Rund 10 000 Jahre Geschichte aufgedeckt


Archäologen begleiten den Bau der 470 Kilometer langen Gasleitung


Kassel.
Der Bau einer jeden neuen Erdgasleitung bietet für die Archäologen einen einmaligen Blick unter die Erdoberfläche. Schon seit Sommer 2007, weit vor Beginn der Bauarbeiten, waren die Denkmalpfleger der zuständigen Landesämter auf der insgesamt 470 Kilometer langen Trasse der OPAL (Ostsee-Pipeline-Anbindungs-Leitung) zwischen Lubmin an der Ostseeküste und Olbernhau an der deutsch-tschechischen Grenze unterwegs, um den Boden auf Zeitzeugnisse zu untersuchen.  Auch während der Bauarbeiten werden die Untersuchungen fortgeführt. „In enger Abstimmung mit der Bauleitung begleiten die Archäologen den Bagger, der den Mutterboden von der geplanten Trasse abträgt“, erklärt Hans-Georg Egelkamp, OPAL-Projektleiter der WINGAS-Gruppe. „So können Zeitzeugen, die bei den Voruntersuchungen unentdeckt geblieben sind, geborgen und für die Nachwelt bewahrt werden.“ In Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen laufen die Bauarbeiten seit Spätsommer 2009, in Brandenburg seit Anfang 2010. 

 

 

Für das Landesamt für Kultur und Denkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern sind die Grabungen auf der OPAL-Trasse ein bedeutsames Großprojekt. „Die OPAL stellt einen archäologischen Schnitt durch die Landschaft dar, wie er in dieser Größe seines Gleichen sucht“, sagt Dr. Jens-Peter Schmidt, verantwortlicher Archäologe beim Schweriner Landesamt. „Vergleichbar ist damit nur der Bau der Ostsee-Autobahn A20.“ Die historische Bandbreite der Funde reicht von 4000 v. Chr. bis in die Neuzeit. Grabungshöhepunkte stellen beispielsweise ein bei Anklam geborgener Hacksilberschatz aus dem frühen 9. Jahrhundert oder die 100 Rennfeueröfen bei Zarnekow im Landkreis Ostvorpommern dar. Letztere zeigen, dass es in Vorpommern schon während der ersten nachchristlichen Jahrhunderte regelrechte „Industrieareale“ zur Eisengewinnung gab. Aktuell untersuchen die Archäologen die überraschend bei Steinfurth/Karlsburg entdeckten Graburnen. „Sie enthielten nicht nur Leichenbrand, sondern auch Grabbeigaben wie Schmucknadeln oder Teile von Fibeln“, berichtet Schmidt. „Beide gehörten vor über 2000 Jahren zum Trachtschmuck und dienten dazu, die Gewänder zu schließen.“ Insgesamt 53 Trassenbereiche haben die Archäologen des Landesamtes in Mecklenburg-Vorpommern im Vorfeld der Bauarbeiten aufgegraben. Seit dem Baubeginn sind 100 weitere Fundstellen hinzu gekommen. Um die Funde auch während der Bauphase bergen zu können, arbeiten Baufirma und Landesamt eng zusammen. Auf den Baufortschritt haben die archäologischen Untersuchungen somit keine Auswirkung: „Die Abstimmung mit der Baufirma funktioniert ohne Probleme“, so Schmidt zufrieden.

 

Von einem regelrechten Glücksfall für die Archäologie sprechen die Denkmalpfleger in Brandenburg: „Die OPAL ist das Projekt mit den bisher meisten archäologischen Funden“, sagt die zuständige Referatsleiterin des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege, Dr. Sabine Eickhoff. Aus ursprünglich 71 vorher bekannten Fundstätten wurden nach der genaueren Untersuchung des Trassenverlaufs 216. „Davon haben wir mittlerweile 120 Plätze ausgegraben und allein mit diesen Ergebnissen können wir zahlreiche klaffende Forschungslücken schließen“, freut sich Eickhoff. Denn unter den Funden befinden sich einige Superlative: älteste Bestattung Brandenburgs, das vermutlich älteste Kupfer und die vermutlich ältesten Pflugspuren. Über einen Zeitraum von 9500 Jahren erstreckt sich die Fundbandbreite. Der älteste Fund ist eine mittelsteinzeitliche Bestattung, die das brandenburgische Grabungsteam bei Rathsdorf im Landkreis Märkisch-Oderland entdeckte. Solche Funde hätten Seltenheitswert, so Eickhoff. Im Labor konnten die Mitarbeiter dann ein weitgehend erhaltenes Skelett freilegen. In der Nähe von Grünow im Landkreis Uckermark stießen die brandenburgischen Denkmalpfleger auf den vermutlich ältesten Kupferfund Brandenburgs, einen Anhänger. „Vor über 5000 Jahren war er Teil eines Colliers und schmückte einen Menschen“, schätzt die Fachfrau. Eine ungewöhnliche Geschichte erzählt der Fundplatz Gehren im Landkreis Dahme-Spreewald: In die Innenwand eines aus einem ausgehöhlten Baum-stamm gefertigten Röhrenbrunnens sind zwei übereinander liegende Tritt-stufen eingearbeitet. „Sie dienten unseren Vorfahren, um in den Brunnen hinabzusteigen und Wasser zu schöpfen“, berichtet Eickhoff. 
 

Im Freistaat Sachsen sind die Mitarbeiter des Landesamtes für Archäologie derzeit dabei, die Grabungsergebnisse im Labor zu reinigen und zu dokumentieren. „Bis Mai möchten wir alle Fundstellen auswerten und eine genaue Datierung vornehmen“, sagt Dr. Christoph Steinmann, Leiter der Grabungsarbeiten. Hauptaugenmerk liegt dabei auf der größten und mit 7300 Jahren zugleich ältesten Fundstelle, auf die die Archäologen in der Nähe von Brockwitz im Landkreis Meißen gestoßen waren. In der Nähe des Elbufers fanden sie eine Ansammlung von acht Langhäusern, unter denen sich mit mehr als 50 Metern Länge eines der größten Gebäude der Jungsteinzeit in Mitteleuropa befand. „Darin wohnten einmal die ersten Ackerbauern Sachsens“, berichtet Steinmann. Die Waschung der vom Fundplatz geborgenen Objekte brachte für die Wissenschaftler noch eine Überraschung mit sich: „Die in Brockwitz gefundene Linienbandkeramik weist Formen und Verzierungen auf, wie sie für diese Epoche eigentlich ungewöhnlich sind“, so der Grabungsleiter. Seine Mitarbeiter sind auch weiterhin auf der Trasse unterwegs. „Von der Baubegleitung im Elbtal versprechen wir uns noch weitere Aufschlüsse, wo die Elbe wann langgeflossen ist“, sagt Steinmann.


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